Selbstsabotage ist keine Schwäche – sie ist fehlgeleitete Selbstliebe

Du tust es wieder, obwohl du es nicht wolltest. Obwohl du es weißt, obwohl du es dir versprochen hast. Du greifst zum Handy, du bleibst bei jemandem, der dir nicht guttut, du betäubst dich mit Arbeit, mit Essen, mit Serien oder mit ständiger Beschäftigung. Und dann kommt diese Stimme: Was stimmt nicht mit mir? Warum schaffe ich das nicht? Warum bin ich so?

Gabor Maté, Arzt, Autor und einer der bekanntesten Trauma-Forscher unserer Zeit, verbrachte sein Leben damit, genau diese Frage aus einer anderen Richtung zu betrachten. Nicht mit dem Blick auf Schuld, Disziplin oder Charakter, sondern mit einer einfacheren und zugleich radikaleren Frage: Nicht, was ist falsch mit dir, sondern was ist dir passiert?

Diese Verschiebung wirkt klein, doch sie verändert einiges. Sie verschiebt den Blick weg von Schwäche und hin zu Geschichte, weg von Versagen und hin zu Anpassung, weg von Selbstanklage und hin zu Verständnis. Plötzlich erscheint das, was sich vorher wie persönliches Scheitern anfühlte, in einem anderen Licht. Nicht als Beweis dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt, sondern als Ausdruck davon, dass dein System einmal lernen musste, auf eine bestimmte Weise zu überleben.

Wir kommen nicht gebrochen auf die Welt

Einer der zentralen Gedanken in Matés Arbeit ist, dass wir nicht defekt oder beschädigt geboren werden. Wir kommen mit einer tiefen biologischen Ausrichtung auf Verbindung zur Welt. Ein Säugling reguliert sich nicht allein. Sein Nervensystem lernt Sicherheit über die Bezugsperson – über Stimme, Blick, Berührung, Wärme, Verlässlichkeit. Wenn diese Verlässlichkeit fehlt, wenn Liebe unberechenbar wird, wenn Bedürfnisse nicht beantwortet werden oder Gefühle zu viel sind, dann hinterlässt das Spuren. Nicht immer als dramatisches Ereignis, nicht immer als etwas, das später als „Trauma“ erkannt wird. Manchmal ist es ganz unscheinbar. Eine Kindheit, in der wir funktionieren mussten, ein Zuhause, in dem Gefühle keinen Platz hatten. Eine Bezugsperson, die körperlich da war, aber emotional nicht wirklich erreichbar. Ein Umfeld, in dem man früh lernte, dass man besser nicht zu viel braucht, nicht zu laut fühlt, nicht zu schwierig ist. Maté versteht Trauma nicht primär als das äußere Ereignis, sondern als die inneren Prozesse, die infolge dessen im Menschen entstehen. Nicht das Ereignis selbst ist die eigentliche Wunde, sondern das, was es im Nervensystem, im Körper und im Selbstbild hinterlässt. Und aus genau dieser Wunde entstehen Strategien. Ein Kind, das klein wird, um Konflikte zu vermeiden, ist nicht schwach – es ist anpassungsfähig. Ein Kind, das sich in Fantasie, Leistung oder Rückzug rettet, ist nicht falsch – es ist intelligent. Das Problem ist nicht, dass diese Anpassungen entstanden sind. Das Problem ist, dass sie oft noch weiterlaufen, lange nachdem die ursprüngliche Gefahr vorbei ist.

Warum wir oft nicht das Gute wählen, sondern das Vertraute

Maté zeigt immer wieder, dass Menschen nicht automatisch das wählen, was ihnen guttut. Sie wählen oft das, was vertraut ist. Das Nervensystem orientiert sich nicht zuerst am Guten, sondern am Bekannten und das Bekannte ist häufig das, was früh gelernt wurde. Das sieht von außen manchmal irrational aus. Da ist zum Beispiel die Frau, die sich immer wieder in Menschen verliebt, die emotional nicht wirklich da sind. Anfangs charmant, aufmerksam, nah genug, um Hoffnung zu wecken – und dann wieder distanziert, schwer erreichbar, unklar. Sie bleibt, sie wartet. Sie erklärt sich das mit Geduld, mit Verständnis, mit Liebe, die eben Zeit braucht. Und irgendwo darunter lebt die alte Frage: Bin ich zu viel? Oder nicht genug? Vielleicht erkennt sie das Muster sogar. Vielleicht hat sie darüber gesprochen, es analysiert, benannt und trotzdem wiederholt es sich. Nicht, weil sie „es nicht gelernt hat“, sondern weil ihr Nervensystem genau diese Form von Unverfügbarkeit als vertraut erkennt. Wenn Distanz in der frühen Bindung die Norm war, kann sie sich später wie Heimat anfühlen. Nicht schön, aber bekannt und Bekanntes wird oft mit Sicherheit verwechselt.

Aus derselben Quelle kann ein ganz anderes Bild entstehen. Da ist der Mann, der nach außen alles im Griff hat. Verlässlich, leistungsstark, kontrolliert. Der erste im Büro, der letzte, der geht. Alle halten ihn für diszipliniert, stark, funktionierend. Doch sobald der Tag vorbei ist, beginnt die Betäubung. Das Glas Wein, der Bildschirm, das Scrollen, die Serie nach der Serie. Nicht unbedingt, weil es Genuss ist, sondern weil Stille zu viel Raum für etwas lässt, das er nicht spüren will. Oder nicht spüren kann. Von außen sieht das vielleicht nach Gewohnheit aus oder nach einem kleinen Laster. Aus Matés Sicht ist es eine Antwort auf Schmerz. Nicht die Frage „Warum bist du so schwach, dass du das brauchst?“, sondern „Was in dir ist so schwer zu tragen, dass du etwas brauchst, um es nicht zu fühlen?“

Hinter Selbstsabotage steckt oft keine Schwäche, sondern Schmerz

Das ist vielleicht einer der stärksten Gedanken in Gabor Matés Arbeit: Hinter destruktiven Mustern steht oft nicht mangelnde Willenskraft, sondern ungelinderter Schmerz. Nicht nur bei schweren Süchten, sondern auch in den stilleren, sozial akzeptierten Formen von Betäubung. Workaholismus kann eine Strategie sein, um nicht fühlen zu müssen. Überessen kann ein Versuch sein, eine innere Leere zu füllen. Endloses Scrollen kann dabei helfen, keine Sekunde mit sich selbst allein sein zu müssen. Serien, Alkohol, Dating-Dynamiken, Shopping, Perfektionismus, ständige Produktivität – all das kann die Funktion haben, etwas zu dämpfen, das sich innerlich zu groß, zu leer oder zu schmerzhaft anfühlt. Diese Muster sehen unterschiedlich aus, aber sie teilen oft denselben Ursprung. Ein Nervensystem, das irgendwann gelernt hat: Fühlen ist zu viel, allein sein mit dem, was in mir ist, ist nicht sicher. Erleichterung muss von außen kommen und genau deshalb reicht Verstehen allein oft nicht aus. Man kann viel über sich wissen. Man kann seinen Bindungsstil benennen, seine Geschichte nachvollziehen und die Neurobiologie dahinter verstehen. Und trotzdem im nächsten Moment wieder zur alten Strategie greifen. Nicht, weil nichts gelernt wurde, sondern weil das Muster nicht nur im Kopf sitzt. Es sitzt im Körper, in impliziten Erinnerungen, in automatischen Reaktionen, in der Weise, wie das Nervensystem Gefahr, Leere oder Nähe interpretiert.

Warum Selbstkritik den Kreislauf nur verstärkt

Wenn Menschen sich in solchen Mustern wiederfinden, reagieren sie oft mit Härte gegen sich selbst. Warum schon wieder? Warum bin ich so? Wann lerne ich es endlich? Diese Art von innerer Sprache fühlt sich manchmal wie Verantwortung an. In Wirklichkeit hält sie das System oft genau dort fest, wo es ohnehin schon steckt. Maté beschreibt Mitgefühl deshalb nicht als weiche Zugabe, sondern als Voraussetzung für echte Veränderung. Nicht als Ausrede, nicht als Verharmlosung, sondern als den ersten Boden, auf dem Heilung überhaupt möglich wird. Denn Scham versetzt das Nervensystem in Alarm und Alarm treibt zurück in alte Bewältigungsstrategien. Die Strategie erzeugt neue Scham und so schließt sich der Kreis. Selbstkritik fühlt sich dabei oft vernünftig an, ist aber in vielen Fällen nur eine raffinierte Form der alten Gewalt gegen sich selbst. Mitgefühl unterbricht diesen Kreislauf. Es fragt nicht zuerst: Wie bekomme ich dieses Verhalten weg? Sondern: Was versucht dieser Teil von mir eigentlich für mich zu tun? Wovor schützt er mich? Was hat er einmal gebraucht und nie bekommen? Das ist keine Passivität, sondern ein anderer Anfang.

Heilung braucht nicht mehr Kontrolle, sondern neue Erfahrungen

Wenn Wissen allein nicht reicht, was hilft dann? Maté ist auch hier erstaunlich klar. Nicht noch mehr Analyse, nicht das nächste Versprechen, sich endlich zusammenzureißen. Sondern neue Erfahrungen, die dem Nervensystem zeigen, dass heute nicht mehr damals ist. Ein Nervensystem verändert sich nicht durch Einsicht allein. Es verändert sich durch Wiederholung. Durch viele kleine Momente, in denen etwas anders erlebt wird als früher. Hier darf ich sein, ohne mich zu betäuben. Hier darf ich Nähe erleben, ohne mich zu verlieren. Hier werde ich nicht verlassen, wenn ich etwas brauche. Hier bin ich nicht zu viel. Hier darf ich mich zeigen, ohne bestraft zu werden. Diese Erfahrungen entstehen nicht nur im Kopf. Sie entstehen in Beziehung, in Therapie. In sicheren Freundschaften, in Gemeinschaft; in einem Gegenüber, das bleibt, reguliert ist, nicht beschämt, nicht fordert, nicht übergeht. Das Nervensystem heilt nicht isoliert. Es heilt in Kontakt, weil es auch im Kontakt geprägt wurde.

Die Wunde erklärt dich, aber sie definiert dich nicht

Vielleicht ist das der wichtigste Satz, den wir aus Gabor Matés Arbeit mitnehmen können: Deine Wunde erklärt vieles, aber sie definiert dich nicht. Was dir gefehlt hat, was dich geprägt hat, was dein Nervensystem gelernt hat – all das ist real. Deine Reaktionen machen Sinn im Kontext deiner Geschichte. Sie sind nicht zufällig. Sie sind Antworten. Kreative, intelligente, oft lebensrettende Antworten auf Bedingungen, unter denen du irgendwie zurechtkommen musstest, aber sie sind nicht das letzte Wort über dich. Sie sind der Anfang von Verständnis, nicht das Ende deiner Entwicklung. Was passiert ist, hat dich geformt, doch es muss dich nicht für immer regieren. Heilung bedeutet nicht, zu einer Version von dir zurückzukehren, die es vor dem Schmerz einmal gab. Diese Person existiert so nicht mehr. Heilung bedeutet eher, vorwärts zu gehen. Mit einem tieferen Verständnis dafür, warum du geworden bist, wie du geworden bist und mit der Möglichkeit, langsam etwas Neues zu lernen. Du bist nicht kaputt. Du bist ein Mensch, dessen Nervensystem sich an etwas angepasst hat, das zu viel war oder zu wenig und du darfst Schritt für Schritt lernen, dir selbst heute das zu geben, was damals gefehlt hat.

🧠 Grundlagen & Einordnung

Dieser Artikel basiert auf Erkenntnissen aus der Traumaforschung, der Bindungspsychologie und der Neurobiologie. Besonders prägend sind dabei die Arbeiten von Gabor Maté zu Trauma, Sucht und Selbstsabotage sowie Perspektiven von Bessel van der Kolk, John Bowlby und anderen Forschern, die zeigen, wie eng frühe Beziehungserfahrungen mit späteren Verhaltensmustern, emotionaler Regulation und körperlich gespeicherten Reaktionen verbunden sind.

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